Zählen und Erzählen. Spielräume und Korrelationen quantitativer und qualitativer Welterschließung

Kollegiatinnen

Dr. Jana Pacyna

Akzessorisch

Jun.-Prof. Dr. Claudia Lauer

Kontakt

lauercl[at]uni-mainz.de

jana.pacyna[at]hadw-bw.de

 

 

Pacyna-Homepage

 

‚Im WIN−Projekt wird seit Förderbeginn zum Verständnis und Zusammenspiel des „Zählens“ und „Erzählens“, des „Messens“ und „Ermessens“ im Hinblick auf das methodische Selbstverständnis in den Geisteswissenschaften in Auseinandersetzung mit den Gesellschafts-, Formal- und Naturwissenschaften geforscht.
Die Vertiefung des Forschungsansatzes knüpft an folgende Ergebnisse der ersten Förderphase, 1. dass die Begriffe „Quantität“ und „Qualität“ keine abgrenzbaren wissenschaftlichen Methoden, sondern Wahrnehmungsmodalitäten oder Erschließungskategorien repräsentieren und 2. dass „Quantifizieren“ und „Deuten“ in der Erschließung von Texten aber auch formalen Systemen oder natürlichen Prozessen immer schon zusammenhängen.
Darauf aufbauend werden nun zwei Hauptfragen formuliert: 1. Weist nicht bereits jedes wissen-schaftliche Objekt per se sowohl „quantitative“ als auch „qualitative“ Merkmale auf, wodurch jede Wissenschaft auf beide methodischen Zugänge zurückgeworfen ist, will sie zur Erfassung dieses Objekts beitragen? In welchem Verhältnis stehen also Untersuchungsgegenstand, Methode und Erkenntnis? 2. Wenn die Attribute „quantitativ“ und „qualitativ“ nicht der Bestimmung abgrenzbarer wissenschaftlicher Methoden dienen können, sondern Erschließungskategorien repräsentieren, was ist dann eigentlich eine wissenschaftliche Methode? Und wie klassifizieren wir künftig in Geistes−, Formal− und Naturwissenschaften unsere Methoden, wenn nicht mit den Begriffen „quantitativ“ und „qualitativ“?
Letztlich geht es auch darum, in- und außerhalb des WIN−Kollegs eine wissenschaftstheoretische Diskussion anzustoßen, die einen Beitrag leisten kann zur Entwicklung einer ,gemeinsamen‘ inter- sowie transdisziplinären Sprache und Vorstellung davon, wie die Begriffe und Methoden entstanden sind, welche Bedeutung sie haben. Daher soll auch ergänzend zur Untersuchung der Begriffe „Quantitas“ (Größe/Menge) und „Qualitas“ (Beschaffenheit), wie sie denkhistorisch auf Aristoteles’ Kategorien-Schrift zurückgehen, die bislang wenig beachtete Erschließungskategorie der „Relatio“ (Bezogenheit) in die Methodendiskussion eingeführt werden. Denn das an die Relation gebundene „ins Verhältnis setzen“, um Erkenntnis und Wissen zu generieren, ist allen im WIN−Kolleg vertretenen Disziplinen als der Methode zugrundeliegende Kategorie gemein.
Kategorien werden als Wirklichkeits- und/oder Erkenntnisformen betrachtet, die es ermöglichen Wissen über das Sein der Dinge, des Lebens und der Welt zu erlangen. Die „Relation“ ist zunächst als eine der Kategorien, später aber auch mit anderen Kategorien vermischt oder allen Kategorien übergeordnet beschrieben worden. Sog. „Relativa“ sind Dinge, deren Sein auf etwas bezogen ist (wie doppelt auf halb oder hell auf dunkel) und solche, auf die etwas anderes bezogen ist (wie das Wiss-bare auf das Wissen). Nicht nur bspw. Menge, Temperatur oder Kausalität lassen sich allein über den Bezug fassen − „viel−wenig“, „warm−kalt“, „Ursache−Wirkung“, auch andere „Quantitäten“ und „Qualitäten“ müssen in Bezug zu etwas gesetzt sein, soll Erkenntnis generiert werden. So hat die Zahl 2 allein, ohne das Wissen um andere Zahlen und den Bezug zu diesen keine Bedeutung für uns. Auch die Farbe „rot“ erschließt sich nur, wenn man bspw. andere Farben kennt und ins Verhältnis setzt. Diese Überlegungen sollen nun wissenschaftstheoretisch nutzbar gemacht werden.
Die Forschungsarbeit erfolgt dabei auch zukünftig auf zwei Ebenen: 1. auf der Ebene einer theoretisch-methodischen Metareflexion und 2. auf der Ebene einer interdisziplinären Anwendung verschiedener Methoden durch die Arbeit am Habilitationsprojekt zur computerbasierten historischen Netzwerkanalyse („Geschichte (er)zählen? Anselm of Canterbury und die englischen Investiturkonflikte. Perspektiven der Historischen Netzwerkanalyse“), die quantitative und qualitative Zugänge zusammenführt. Im Zuge dessen sollen die theoretisch gewonnenen Erkenntnisse evaluiert werden.

 

verantwortlich: Redaktion
Letzte Änderung: 11.04.2018
zum Seitenanfang/up