Wie viel Staat braucht der Mensch?

Pressemitteilung vom 26. März 2008

Neue Erkenntnisse durch Analysen der Staatswerdung in Spätan-tike und Früher Neuzeit – Internationaler Kongress von Nach-wuchsforschern an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften

 

Hoch zur Roß – Kaiser Justinian als siegreicher Feldherr, begleitet von einem Engel. Die Elfenbeinschnitzerei, entstanden um das Jahr 530, zeigt symbolisch, wie eng das Verhältnis von Staat und Kirche bereits in der frühen Neuzeit war.
(Quelle: Wikipedia)

Die Institution „Staat“ erscheint selbstverständlich. Schließlich ist sie allgegenwärtig: Arbeitsverhältnisse, Gesundheits- und Altersversorgung, Bildung und Ausbildung, Erziehung und Wissenschaft, selbst die intimsten familiären Beziehungen, das Verhältnis von Männern und Frauen, Eltern und Kindern sind heute von staatlichen Strukturen durchzogen und werden durch Vorgaben oft bis ins Detail geregelt. De facto jedoch erweist sich die Form einer staatlichen Organisation keinesfalls selbstverständlich – wie wäre es ansonsten möglich, von einem „mehr“ oder „weniger“ an Staat als Ziel politischen Handelns zu sprechen oder die Wiedererrichtung staatsfreier Zonen zu diskutieren? Wie ließen sich Phänomene wie die Verlagerung der Gesetzgebung und Rechtsprechung auf supra-staatliche Institutionen erklären, wie die Organisation von Kriegen durch Privatunternehmer, wenn „der Staat“ eine gleichsam naturgegebene Größe wäre, deren Handlungsmaximen niemand entrinnen kann?

„Ein Vergleich von Spätantike und Früher Neuzeit unter der Fragestellung der »Staatlichkeit« verspricht daher neue und weitergehende Erkenntnisse sowohl für die beiden Epochen als auch für die Frage nach dem Wesen des »Staates« überhaupt und dem analytischen Nutzen dieser Kategorie. Diesen Vergleich hat die Tagung „Staatlichkeit und Staatswerdung in Spätantike und Früher Neuzeit“ zum Ziel, die vom 3. bis 5. April in Heidelberg in den Räumen der Akademie stattfindet und die Reihe der Konferenzen des wissenschaftlichen Nachwuchses an der Heidel-berger Akademie der Wissenschaften fortsetzt“, so Dr. Sebastian Schmidt-Hofner. Konzipiert und organisiert wird die Tagung von Prof. Dr. Peter Eich („Kultur der Antike“, Universität Potsdam), Dr. Sebastian Schmidt-Hofner (Seminar für Alte Geschichte, Universität Heidelberg) und Dr. Christian Wieland (Historisches Seminar, Universität Freiburg). In vier Sektionen zur institutionellen Entwicklung der jeweiligen Staaten, zum Verhältnis von Zentrum und Peripherie, zur Bedeutung der Religion und zur Formierung der Gesellschaften werden sechzehn junge Historikerinnen und Historiker aus Europa und den USA alt- und neuhistorische Forschungsansätze miteinander konfrontieren und sie dabei in einen spannungsreichen Dialog bringen.

Die Auflösungserscheinungen des Staates in der Postmoderne schärfen das Bewusstsein dafür, dass es sich bei den Staatsgebilden europäischer und nordatlantischer Prägung um Produkte einer historischen Sonderentwicklung handelt, die nicht universell verallgemeinerbar und deshalb erklärungsbedürftig ist. Besondere Bedeutung in dieser Sonderentwicklung hatte die europäische Frühe Neuzeit (1500 – 1800) als diejenige Periode, in der sich der Prozess der Staatsbildung stark intensivierte und beschleunigte. Diese besondere Bedeutung ist von der Forschung aller relevanten Disziplinen auch immer wieder gewürdigt worden. Oftmals bleibt jedoch unbeachtet, dass sich ein vergleichbarer Prozess schon zuvor einmal in der europäischen Geschichte vollzogen hatte. Das politische System der römischen Kaiserzeit durchlief in der Spätantike (300-600) eine ähnliche Entwicklung: Auch hier lässt sich eine graduelle Ausweitung der hoheitlichen Regelungsansprüche feststellen, und auch hier ging dieser Prozess mit einem beständigen Ausbau der Staatsgewalt einher.

Dass sich hinter der Konzentration der Tagung auf den Staat keineswegs seine kritiklose, gar bewundernde Akzeptanz verbirgt, wird durch einen der Höhepunkte des Kolloquiums pointiert zum Ausdruck gebracht: Im Rahmen der Konferenz wird Wolfgang Reinhard, einer der profiliertesten „Staatsforscher“ der Gegenwart, in einem öffentlichen Abendvortrag am 3. April über die „Kriminalität der Mächtigen“ sprechen.

Die Heidelberger Akademie der Wissenschaften, wiedergegründet im Jahre 1909, ist die Landesakademie Baden-Württembergs und eine der acht deutschen Akademien der Wissenschaften. Als außeruniversitäre Forschungseinrichtung verantwortet sie derzeit 22 Forschungsvorhaben, in denen etwa 190 Mitarbeiter beschäftigt sind. Die rund 160 gewählten Mitglieder der Heidelberger Akademie treffen sich als herausragende Vertreter ihrer Disziplin regelmäßig zum fächerübergreifenden Gespräch, die Akademie veranstaltet wissenschaftliche Tagungen sowie öffentliche Vortragsreihen. Mit der 2002 erfolgten Einrichtung eines Nachwuchskollegs (WIN-Kolleg), der Ausrichtung der „Akademiekonferenzen für junge Wissenschaftler“ sowie durch die Vergabe von Forschungspreisen fördert sie herausragende jüngere Exponenten der Wissenschaft.

 

Datum:3. – 5. April 2008
Beginn: 3. April, 14 Uhr
Ort:Akademie der Wissenschaften, Karlstraße 4, 69117 Heidelberg
3. April, 19.15 Uhr: Öffentlicher Abendvortrag „Die Kriminalität der Mächtigen“
Prof. Dr. Wolfgang Reinhard, Freiburg/Erfurt
Ort:Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Der Kongress ist nicht öffentlich. Um die Akkreditierung von Journalisten wird gebeten.



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Dr. Johannes Schnurr
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
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Fax: 06221 / 54 33 55
E-Mail: johannes.schnurr@urz.uni-heidelberg.de
Internet: www.haw.baden-wuerttemberg.de

sowie

Dr. Sebastian Schmidt-Hofner
Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik der
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Telefon: 06221 / 54 22 38
Fax: 06221 54 22 34
E-Mail: sebastian.Schmidt-Hofner@zaw.uni-heidelberg.de

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Letzte Änderung: 23.06.2009