Altfranzösische Handschrift aus dem 13. Jahrhundert in der Universitätsbibliothek Heidelberg entdeckt

Pressemitteilung vom 08. Mai 2006

Enge Kooperation zwischen Universitätsbibliothek und Heidelberger Akademie der Wissenschaften – Frühe Kirchenkritik und „Verse über den Tod“

 

Dr. Stephen Dörr gelang die Entzifferung und historische Einordnung dieser altfranzösischen Handschrift. Die gute Kooperation zwischen der Universitätsbibliothek und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften war nicht zuletzt aufgrund der räumlichen Nähe beider Einrichtungen möglich.
(Foto: Wacker)

Auf den ersten Blick erscheinen die beiden Pergamentblätter eher unauffällig. Zwar besticht die Schrift durch ihre Präzision, und auch die mit roter Tinte gestalteten Zeilenanfänge zeugen von der großen Mühe, die sich der Schreiber einst gemacht hat. Prächtige Illustrationen jedoch sucht man auf den kleinformatigen Blättern vergebens. 1892 ließ Oberbibliothekar Karl Zangemeister die Handschrift einbinden, um sie in die Fragmentensammlung der Universitätsbibliothek Heidelberg einzuordnen. Die Bedeutung des altfranzösischen Dokuments konnte er mit den Hilfsmitteln der Zeit nicht erkennen. Erst jetzt, 114 Jahre nach dem Fund, wurde das Werk identifiziert: Es handelt sich um Teile einer überraschend satirischen Handschrift des Zisterziensermönchs Hélinant de Froidmont, die dieser Ende des 12. Jahrhunderts verfasste. Der nun aufgetauchte Textzeuge selbst ist nur unwesentlich jünger – er entstand in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Ein wirklich hochkarätiger Fund also.

Möglich wurde dieser jedoch erst durch ein momentan laufendes Projekt, wie Dr. Veit Probst, Direktor der Universitätsbibliothek, erklärt. „Im Zusammenhang mit der Edition der Amtsbücher der Universität Heidelberg durch die Akademie der Wissenschaften Heidelberg wurde jüngst Dr. Gerhard Merkel, einer der beteiligten Forscher, auf einen Eintrag aus dem Jahre 1892 aufmerksam. Dieser Vermerk wies darauf hin, dass der damalige Oberbibliothekar Zangemeister aus einem im Jahr 1601 angelegten Band des heutigen Universitätsarchivs – dessen Bestände zu jener Zeit noch in der Universitätsbibliothek untergebracht waren – zwei Bruchstücke herausgelöst hat. Diese waren als sogenannte Spiegelblätter, aufgeklebt auf die Innenseiten der beiden Buchdeckel, verwendet worden. Solch eine Verwendung älterer, nicht mehr benutzter Bücher als Makulatur ist an und für sich nichts Ungewöhnliches, so dass sich auch Karl Zangenmeister keine weiteren Gedanken um die beiden Pergamente machte“, meint Dr. Probst. „Sein akkurat eingetragener Verweis jedoch ermöglichte es uns, die Spur nach 114 Jahren erneut aufzunehmen“. Und die führte direkt in die „Abteilung Handschriften und Alte Drucke“ und zu deren Leiter Dr. Armin Schlechter. „Als die Anfrage bei uns ankam, ließ sich das Bruchstück mit Hilfe einer alten Signaturenkonkordanz schnell identifizieren, obgleich eine Beschreibung des Inhalts fehlte. Eine Mitarbeiterin wandte sich dann wegen der Identifikation des Textes an die Mitarbeiter des „Altfranzösischen etymologischen Wörterbuchs“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Zum Glück haben wir hier in Heidelberg eine derart hohe Sachkompetenz in nächster Nähe“, freut sich Armin Schlechter. „Denn letztlich sind viele Handschriftenfragmente trotz ihres hohen Alters unspektakulär. Ohne den entsprechenden Sachverstand kann man deshalb unmöglich die Spreu vom Weizen trennen“, erklärt der Leiter der Handschriftenabteilung.

Hierzu in der Lage waren jedoch Dr. Stephen Dörr und seine Kollegen, die nur wenige Schritte von der Universitätsbibliothek entfernt an einem Grundlagenwörterbuch des Altfranzösischen (Dictionnaire étymologique de l'ancien français – DEAF) – das den Zeitraum von 842 bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts umfasst – arbeiten. Sie konnten binnen kürzester Zeit feststellen, dass es sich bei den zwei etwa 22 mal 14,8 cm großen Pergamentblättern um Teile einer Handschrift des altfranzösischen Gedichts „Les Vers de la mort“ – „Die Verse über den Tod“ handelt. Deren Autor, der Zisterziensermönch Hélinant de Froidmont, hat den Text zwischen 1194 und 1197 geschrieben. „Er wendet sich in ihm an seine alten Freunde, junge Aristokraten, die er mit satirischen Worten dazu überreden will, die Nichtigkeit des irdischen Lebens zu erkennen, um sich statt dessen einer Reinigung zu unterziehen“, erklärt Stephen Dörr. „Zum Symbol der Vergänglichkeit des Lebens wird hierbei der Tod. Denn vor ihm, dem großen Gleichmacher, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Bettler oder Kaiser.“ Interessant ist hierbei jedoch nicht nur der satirische Stil des Mönchs Hélinant, sondern auch, dass er den Tod erstmals als allegorische Figur in der Dichtung erscheinen lässt. Diese Neuerung fand bis zu den Totentänzen des 15. Jahrhunderts zahlreiche Nachfolger, wobei man keinesfalls meinen sollte, der Zisterziensermönch habe sich mit einer drögen, langweiligen Ermahnung seiner lebenslustigen Zeitgenossen beschieden. Vielmehr sprüht sein Text geradezu vor beißender Satire, wie Dr. Dörr es treffend zum Ausdruck bringt. „Hélinant wendet sich gegen die Reichen und Mächtigen sowohl unter dem Klerus als auch unter den Laien. Der Tod ist für ihn der eigentliche Herr der – irdischen – Welt: „la mort, la maîtresse du monde“. Um ihm zu entgehen hilft nur, sich von allem, was einen an die Welt bindet, zu befreien und sich so vor ihrem Gift zu retten.“

In monastischer Tradition wird den Lebenden die Allgegenwart des Todes vor Augen geführt. Nur wer die Welt mit ihren Äußerlichkeiten verachtet, sich der „contemptus mundi“ hingibt, braucht den Tod nicht zu fürchten, dem der Mönch nicht zuletzt auch die Kardinäle anempfiehlt: „Tod, sattle deine Pferde; Um die Kardinäle drauf zu setzen, die leuchten wie ausgebrannte Kohle wegen der ihnen eigenen Brillanz. (...) Rom setzt falsche Fuffziger ein; Und jeden Wicht und allen Abfall. Und so liegt über Silber das Blei, damit man nicht die Guten von den Bösen scheiden kann“, übersetzt Stephen Dörr die noch heute gut erkennbaren mittleren Teile des Dokuments, dessen Ränder leider durch die zwischenzeitliche Verwendung als Bucheinband gelitten haben.

Weniger schwer ist es jedoch, die Gründe für die Verwendung der französischen Sprache zu finden, meint Stephen Dörr: „Natürlich hätte Hélinant auch in Latein schreiben können. Er wollte jedoch sicher gehen, dass selbst Laien seinen Text lesen konnten. Er beschimpft alle, die mit der Kirche und dem Adel zu tun haben – und damit interessanterweise auch sein ehemaliges gesellschaftliches Umfeld!“ Denn Hélinant, der einer nach Frankreich geflohenen flämischen Adelsfamilie entstammte, war ursprünglich als „Trouvère“, als „Troubadour“ tätig, bevor er sich aus unbekannten Gründen vom höfisch-weltlichen Leben abwandte und als Mönch in die Zisterzienserabtei Froidmont bei Beauvais nördlich von Paris eintrat. „Dort“, so erklärt Dr. Dörr, „verfasste er neben lateinischen Texten, darunter eine Weltchronik und zahlreiche theologische Schriften, auch die „Vers de la mort“, sein einziges in französischer Sprache überliefertes Werk. Es beinhaltet 50 stark rhythmusbetonte Strophen, die aus jeweils zwölf Versen aufgebaut sind und nach ihrem Schöpfer als „Helinandstrophe“ bezeichnet werden. Die Heidelberger Fragmente überliefern rund 222 Verse, was angesichts der recht kleinen Blätter eine erstaunliche Textmenge darstellt. Die Handschrift, aus der sie ursprünglich stammen, wurde sehr wahrscheinlich vor 1250 in gut lesbarer Textualis niedergeschrieben, wobei der Schreibdialekt den Nordosten Frankreichs als Entstehungsort nahe legt. Sehr vorsichtig ausgedrückt kann man wohl sogar vermuten, dass die Handschrift im lothringischen Metz entstanden ist.“

Jedoch erfüllt die beteiligten Wissenschaftler noch ein weiterer Sachverhalt mit Stolz. Die noch heute maßgebliche Textedition zu den „Versen über den Tod“ aus dem Jahr 1905 zählt 24 Textzeugen aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Die nun neu hinzugekommenen Heidelberger Blätter gehören somit zu den ältesten bekannten Überlieferungsträgern der Dichtung, was die Bedeutung des Fundes zusätzlich unterstreicht. „Da es zu Dichtungen jener Zeit so gut wie keine Autographen – also eigenhändige Niederschriften eines Verfassers – gibt, ist ein solch zeitnahes Dokument wie das jetzt identifizierte ein absoluter Glücksfall“, erklärt Stephen Dörr, der gleichwohl nicht von einer Sensation sprechen möchte. „Wenn man die schiere Menge der altfranzösischen Texte aus der Zeit zwischen 842 und etwa 1350 bedenkt – die Zahl geht hier in die zehntausende – so wird deutlich, dass ein solches Dokument zwar selten, aber dennoch kein Wunder ist. Das wirklich sensationelle an dieser ganzen Geschichte ist vielmehr, wie einfach und unkompliziert hier die beteiligten Institutionen – die Unibibliothek und die Akademie der Wissenschaften Hand in Hand gearbeitet haben. Genau so – und nicht anders – sollte Wissenschaft im Verbund funktionieren“, betont Stephen Dörr, der bereits eine Edition des neu „entdeckten“ Fragments in einem Fachorgan plant.

„Hier werden wir natürlich nicht nur auf den Inhalt eingehen, sondern auch ein wenig auf die Findungsgeschichte. Und vielleicht fühlt sich ja der ein oder andere Historiker auch veranlasst, diese bedeutende Quelle des 12. Jahrhunderts im Hinblick auf den Zustand von Adel und Klerus ein wenig genauer anzuschauen“, meint Stephen Dörr verschmitzt. „So ein Text verdient es nämlich, gelesen zu werden.“ Doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass es sich hierbei um die vermutlich älteste französischsprachige Handschrift handelt, die sich in den Tresoren der Heidelberger UB findet. Wobei niemand wissen kann, welche Schätze sich zwischen den 3,21 Millionen Bänden noch finden werden. Eine Universitätsbibliothek ist nämlich unerschöpflich.

Autor: Heiko P. Wacker



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Letzte Änderung: 23.06.2009