Ungeahnte Komplexität im frühmenschlichen Werkzeugverhalten – Konzept von Pfeil und Bogen entschlüsselt

Heidelberg, Tübingen, Frankfurt, 25. Juni 2012

 

Pfeil und Bogen werden lange schon als möglicher Indikator für moderne kulturelle Fähigkeiten gehandelt. Erste Hinweise auf ihre Nutzung stammen aus Südafrika und werden auf ca. 64 000 Jahren vor heute datiert. Bislang war die Bedeutung dieses Gerätesets für die kognitiven Fähigkeiten des Menschen unklar. Nun gelang es zwei Wissenschaftlerinnen, Miriam Haidle von der Forschungsstelle ROCEEH der Heidelberger Akademie der Wissenschaften am Senckenberg Forschungsinstitut und der Universität Tübingen und Marlize Lombard von der University of Johannesburg, die neuartige konzeptionelle Basis des Umgangs mit Pfeil und Bogen zu entschlüsseln. Die Ergebnisse werden in der aktuellen Ausgabe des Cambridge Archaeological Journal vorgestellt.*

Abbildung Pfeil Und Bogen   Äußerlich einfach, vom Konzept her hochkomplex: Bushmann-Bögen aus Botswana, Foto: Lombard/Haidle

 

Auf der Grundlage archäologischer Funde, völkerkundlicher Analogien und durch Experimente wurden die für die Herstellung von Pfeil und Bogen notwendigen Schritte und Elemente rekonstruiert. Beide Gegenstände sind ein Beispiel für ein komplementäres Werkzeugset. Diese bestehen aus getrennten, aber in Abhängigkeit voneinander entwickelten Elementen. Der Bogen stellt dabei den kontrollierenden bzw. verstärkenden Teil dar, Pfeile die flexibel einsetz- und austauschbaren Verbrauchselemente. Zunächst nutzte der Mensch Werkzeuge zur Herstellung von Werkzeugen (seit ca. 2,5 Millionen Jahren), dann aus verschiedenen Teilen zusammengesetzte Geräte, die eine Einheit mit neuen Eigenschaften bilden wie hölzerne Speere mit Spitzen aus Stein (seit 200-300 000 Jahren). Pfeil und Bogen und andere komplementäre Werkzeugsets waren eine weitere Möglichkeit für prähistorische Menschen, die Flexibilität ihrer Reaktion auf die Herausforderungen der Umwelt enorm zu steigern.

 

Das Konzept komplementärer Werkzeugsets beinhaltet verschiedenartige Anwendungen wie Nadel und Faden, Angel und Haken, Hammer und Meißel. Pfeil und Bogen sind ein besonders komplexes Beispiel dafür. An der heutigen Rekonstruktion eines einfachen Bogens und Pfeilen mit Vorschaft sind zehn verschiedene Werkzeuge beteiligt. Aus insgesamt 22 Rohmaterialien und drei unspezifischen Halbfertigprodukten (Bindematerial, Multikomponentenkleber) werden in fünf Herstellungsabschnitten ein Bogen und in weiteren Herstellungseinheiten dazugehörige Pfeile gefertigt. Die vorliegende Untersuchung konnte eine derartige Komplexität im Umgang mit Geräten zu einem frühen Zeitpunkt in der Geschichte des Homo sapiens erstmals sichtbar machen.

 

In der Forschungsstelle „The Role of Culture in Early Expansions of Humans“ (ROCEEH) der Heidelberger Akademie der Wissenschaften arbeiten Archäologen, Päläoanthropologen, Paläobiologen und Geographen gemeinsam an Fragen zu Ursprung, Verlauf und Ursachen menschlicher Ausbreitungen zwischen drei Millionen und dem letzten glazialen Maximum um 20.000 Jahren vor heute im Raum Afrika und Eurasien. Es wird untersucht, wann, wo und in welcher Form das Zusammenspiel von sich wandelnden Umweltbedingungen, biologischer Evolution und kultureller Entwicklung es der Gattung Homo erlaubte, die Verhaltensnische eines großen afrikanischen Menschenaffen zu erweitern und neue Nischen auch außerhalb Afrikas zu erschließen. Seit 2008 beherbergen die Universität Tübingen und das Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt die auf 20 Jahre projektierte Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

 

* Die Publikation „Lombard, Marlize & Miriam Noël Haidle 2012. Thinking a bow-and-arrow: cognitive implications of Middle Stone Age bow and stone-tipped arrow technology. Cambridge Archaeological Journal 22/2, 237-264“  als PDF zum Download.

 

Ansprechpartner:

 

PD Dr. Miriam Haidle

Koordinatorin der Forschungsstelle

„The Role of Culture in Early Expansions of Humans“

Senckenberg Forschungsinstitut und

Naturmuseum Senckenberganlage 25

D-60325 Frankfurt/Main

Mobil 0176-228-208 26

mhaidle@senckenberg.de

 

Dr. Herbert v. Bose

Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

der Heidelberger Akademie der Wissenschaften

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E-Mail: herbert.vonbose@adw.uni-heidelberg.de

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