Zählen und Erzählen. Spielräume und Korrelationen quantitativer und qualitativer Welterschließung

Kollegiatinnen

Jun.-Prof. Dr. Claudia Lauer

Dr. des. Jana Pacyna

Kontakt

lauercl[at]uni-mainz.de

jana.pacyna[at]uni-tuebingen.de

 

 

Am 27. und 28. November 2015 wird in der Heidelberger Akademie der interdisziplinäre  Workshop Zählen und Erzählen. Quantitative und qualitative Methodiken im geisteswissenschaftlichen Dialog stattfinden.

 

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‚Erzählen‘ ist für unsere Welterschließung konstitutiv. Narrationen verleihen dem Struktur, das vorher ungeordnet war: Sie erfassen vorgefundenes oder vorgegebenes Geschehen und Wissen, fügen es in logische Ordnungs- und Handlungszusammenhänge und machen damit die Welt sinnvoll greif- und darstellbar. Als zentrale Kulturtechnik und unverzichtbares anthropologisches ‚Muster der Formgebung‘ steht das Erzählen dabei kulturgeschichtlich in engem Zusammenhang mit numerischem Wissen und dem Akt des Zählens. Die Ausdrücke ‚Zählen‘ und ‚Erzählen‘ setzen den numerischen Akt des Zählens und den deutenden Akt des Erzählens nicht nur begrifflich in direkte Relation. Sie weisen auch darauf hin, dass Aspekte quantitativer und diskursiver Welterschließung essentiell zusammenhängen: In beiden Fällen wird zergliedert, angeordnet und zugleich auch Bezug genommen und Bedeutsamkeit zugemessen. Das Projekt ‚Zählen und Erzählen‘ widmet sich dieser kulturgeschichtlich verankerten Beziehung und fragt nach den Spielräumen und Korrelationen quantitativer und qualitativer Welterschließung, die sich v.a. auch für die Wissenschaft stellt. Zwei Teilprojekte stehen dabei im Zentrum:

 

(1) „Literarisches (er)zählen. Historisch-narratologische Perspektiven“

Das germanistisch-mediävistische Teilprojekt setzt an der Eigenart an, dass literarisches Erzählen als besondere Form der Weltorientierung und Sinnstiftung zumeist nach narrativen Mustern erfolgt, die durch numerisch verifizierbare ,Erzählbausteine‘ festgelegt sind, ihre Qualität jedoch darauf beruht, dass in der jeweiligen narrativen Entfaltung ,mehr‘ geboten wird als die Summe der Einzelbausteine. Das Projekt stellt dabei Erzählmuster wie Heldenbild, Brautwerbung oder Intrige ins Zentrum und fragt im Blick auf mittelalterliche Erzähltexte nicht nur nach der literarischen Ausgestaltung der Muster und dem spezifischen ‚Ort‘ des Literarischen im Umschlag vom Zählen zum Erzählen. Reflektiert, analysiert und ausgelotet werden zugleich auch die verschiedenen quantitativen und qualitativen Zugänge und Methodiken, mit denen die Narratologie als Wissenschaft des Erzählens in charakteristischer Weise zum Verstehen literarisch-narrativer Welterschließung beiträgt.

 

(2) „Geschichtliches (er)zählen. Historische Netzwerkanalysen“

Innerhalb des geschichtswissenschaftlichen Teilprojekts soll den Möglichkeiten und Grenzen der netzwerkanalytischen Methodik anhand der Erarbeitung von Genese, Gehalt und Wirken der theologischen und kirchenpolitischen Positionen Anselms von Canterbury im englischen Investiturkonflikt von 1093-1107 exemplarisch nachgegangen werden. In dem Versuch den „Mythos“ von der „Wahrheit“ zu trennen, diskutiert man in der angloamerikanischen und deutschen Forschung das kirchenpolitische Wirken Anselms und den Verlauf der (noch untererforschten) Investiturkonflikte Englands seit langem sehr kontrovers. Das Grundproblem dieser Forschungsdiskussion liegt in der weitgehenden Betrachtung Anselms als historische Einzelperson. An dieser Stelle muss der methodische Zugriff dergestalt geändert werden, dass Anselm als Teil (s)eines Geflechts sozialer Bindungen erfahrbar wird, die für ihn gleichermaßen Einflusssphäre als auch werte- und handlungsbestimmende Orientierungshilfe waren. Daher sollen mithilfe der Netzwerkanalyse die Übertragungen von (religiösem) Wissen und die Genese kirchenpolitischer Positionen im sozialen Umfeld Anselms näher untersucht werden.



Gemeinsame Ziele

Das Verbundprojekt ‚Zählen und Erzählen‘ zielt auf die Reflexion von qualitativen und quantitativen Methodiken sowie ihrer jeweiligen Potenziale in den Literatur- und Geschichtswissenschaften. Zugleich soll im engen interdisziplinären Austausch der beiden historisch arbeitenden Teilprojekte exemplarisch auch eine methodische Metareflexion der Korrelation und Spielräume quantitativer und qualitativer Zugänge für die Geisteswissenschaften angestoßen und erprobt werden, die sich mit anderen, v.a. nicht-geisteswissenschaftlichen Disziplinen, vergleichen lässt.

 

 

 

 

 

verantwortlich: Redaktion
Letzte Änderung: 29.10.2015
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