Raumordnung, Norm und Recht in historischen Kulturen Europas und Asiens

Kollegiaten

Ass.Prof. Dr. Sebastian Schmidt-Hofner

PD Dr. Claus Ambos

 

Assoziiertes Mitglied

Prof. Dr. Peter Eich

 

Mitarbeiter an der Universität Heidelberg

Dr. John Noël Dillon (bis Juli 2010)

Dr. Rachele Dubbini (bis März 2013)

Dr. Camille Lecompte (bis September 2012)

Dr. des. Noach Vander Beken (bis September 2011)

 

Das WIN-Projekt untersucht anhand eines Vergleichs ausgewählter historischer Kulturen der europäischen und vorderorientalischen Antike, wie kulturelle Ordnungskonzepte bzw. die daraus abgeleiteten sozialen und politischen Normen den menschlichen Lebensraum durch Institutionen, Praktiken und Sinnzuschreibungen strukturieren und so eine normativ fundierte Raumordnung erzeugen, die diese Ordnungskonzepte abbildet, umgekehrt aber auch zu ihrer Reproduktion beiträgt. Dieses Forschungsprogramm knüpft an eine aktuelle Debatte in den Kulturwissenschaften an, deren Erkenntnisinteresse darauf zielt, die Wahrnehmung, Strukturierung und Produktion von Räumen als Konstrukte zu begreifen, die im Wechselspiel von individuellem Erleben, Diskursen, sozialem Handelns und seinen materiellen Produkten erzeugt werden, umgekehrt aber selbst soziale und kulturelle Wirkungen entfalten können. Normative, also durch Ge- und Verbote geschützte soziale Ordnungskonzepte wie Eigentum, territoriale Hoheitsansprüche, die Trennung von Sakral und Profan, die Reservierung von Räumen für bestimmte Lebensvollzüge (Friedhöfe, Versammlungsplätze), geschlechterspezifische Raumordnungen und ähnliches mehr sind ein wesentliches Element solcher alltäglicher Raumproduktionen und -wahrnehmungen, die menschliches Handeln abbilden und zugleich strukturieren. Dieses Wechselspiel zwischen den räumlichen Manifestationen solcher normativen Ordnungskonzepte und ihren soziokulturellen Bedingungen und Wirkungen stellt das leitende Erkenntnisziel des Projektes dar. Untersucht wird diese Fragestellung anhand von Fallstudien aus verschiedenen Epochen und Kulturkreisen des Alten Orients und der europäischen Antike, die aus historischer und archäologischer Sicht sakrale, politische und soziale Raumkonstruktionen in den Blick nehmen. Der komparatistische Ansatz dient dazu, möglichst viele Facetten der Thematik mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen zu beleuchten und so die je nach sozialen Verhältnissen, politischen Ordnungen und kulturellem Kontext spezifischen Ausprägungen von Raumordnungen herauszuarbeiten.

Vom 9. bis 11. März 2011 fand in der Heidelberger Akademie die Tagung Normative Raumordnungen in den Kulturen des Altertums statt, in der die Ergebnisse des Projektes vorgestellt und mit einem internationalen Fachpublikum diskutiert wurden.

 

Arbeitsgebiet 1: Alter Orient

Die Entstehung politischer Territorien in den sumerischen Städten vom 4. bis zum Ende des 3. Jahrtausends v.Chr. untersucht das Post-Doc-Projekt von Camille Lecompte anhand früher literarischer und administrativer Schriftzeugnisse aus der Überlieferung der Tontäfelchen. Die Studie zielt darauf, Struktur und Charakter dieser frühen Formen territorialer Herrschaft möglichst umfassend zu erfassen: von der Konzeption und Markierung territorialer Grenzen über die Verwaltung, die Wirtschaftsstruktur und den rechtlichen Status der unterschiedlichen Gruppen von Untertanen bis zur Strukturierung des Raums durch die Ausdifferenzierung von Bodenstatuten im Zuge der Territorialisierung. Claus Ambos beschäftigt sich im Rahmen des Projektes mit der ideologischen Strukturierung des Raumes in den Herrschaftsritualen der babylonischen Könige. Untersucht werden damit verbundene rituelle Handlungen, z.B. Prozessionen, oder die rituelle Bedeutung bestimmter Orte ebensowie der Bezug solcher Rituale auf die kosmische Geographie der Babylonier und der Niederschlag dieser Raumproduktionen in der Herrschaftsarchitektur.

Arbeitsgebiet 2: Griechenland

Der Archäologe Noach Vander Beken untersucht am Beispiel der minoischen Paläste, Höhenheiligtümer, Kulthöhlen und anderer Ritualplätze des minoischen Kreta die Frage, was sich aus einer rein archäologischen Überlieferung für das Thema der Raumordnungen gewinnen lässt. Ziel ist es zu zeigen, wie diese Anlagen durch ihre architektonische Raumgestaltung und durch ihre räumliche Situierung in Siedlungen bzw., bei den extraurbanen Kultplätzen, in größeren regionalen Zusammenhängen normative Ordnungsprinzipien der minoischen Gesellschaft, zum Beispiel die Art und Weise der sozialen Stratifikation, zum Ausdruck bringen. Der Zusammenhang von Raumordnung und Polis im spätarchaischen und klassischen Griechenland ist der Gegenstand des Habilitationsprojektes des Althistorikers Sebastian Schmidt-Hofner. Er untersucht am Beispiel Athens, dem hier aufgrund der Quellenlage eine paradigmatische Rolle zukommt, wie die Landschaft Attika, das Territorium der Stadt Athen, diskursiv (etwa im attischen Drama, den Grabreden und anderen Text- oder Bildmedien) oder durch zeichenhafte Handlungen (Ephebendienst, Prozessionen, Baumaßnahmen und anderes) als ein ideell aufgeladener Raum konstruiert wurde, wie solche Raumkonstruktionen zur Bildung kollektiver Identität in der Polis Athen beitrugen, und in welcher Wechselwirkung beides zu den sich wandelnden sozialen und politischen Kontexten jener Konstruktionen stand.

Arbeitsgebiet 3:Rom

Der Althistoriker John Dillon beschäftigt sich mit der Konzeption sakraler Räume im republikanischen Rom. Sein Projekt verfolgt die Fragestellung, wie sich solche Konzeptionen mit den Kulturbegegnungen im Zuge der römischen Expansion entwickelten und veränderten, welche rechtlichen und politischen Folgen dies zeitigte und wie sich diese Entwicklung von Raumkonzeptionen kulturgeschichtlich kontextualisieren lässt. Die Entwicklung des stadtrömischen suburbium entlang der Via Appia als einer liminalen Zone zwischen der urbs Roma und dem italischen Umland in der longe durée von den republikanischen Anfängen bis in die Kaiserzeit ist Gegenstand des Projektes der Archäologin Rachele Dubbini. Ziel ist eine Fallstudie für die Entstehung und Veränderung städtischer Räume in der klassischen Antike anhand der Entwicklung von Siedlungsmustern, der Ausdifferenzierung sakraler Räume, der Trennung von Räumen für Lebende von denen für die Toten in einer stark durch Grabbauten strukturieren topographischen Situation und weiterer einschlägiger Phänomene. Rachele Dubbini arbeitet an diesem Projekt in enger Kooperation mit der Soprintendenza Archeologica di Roma im Rahmen des Projektes „Sistema Informativo Territoriale Archeologico (SITAR)“. Peter Eich arbeitet zum Thema der Raumordnungen und Raumkonzeptionen in der römischen Kaiserzeit. Eine vergleichende Studie zwischen Han-China und dem Imperium Romanum zum Beispiel vertritt die These, dass die unterschiedlich starke staatliche Durchdringung dieser Gesellschaften wesentlich auf verschiedenen Raumauffassungen beruhte; in einer anderen Studie geht es um die Frage, wer wann das Recht hatte, sakrale Räume einzuhegen und von Andersgläubigen die Beachtung solcher Regelungen einzufordern.

verantwortlich: Redaktion
Letzte Änderung: 12.11.2014