Klöster im Hochmittelalter: Innovationslabore europäischer Lebensentwürfe und Ordnungsmodelle

Heisterbach
Ruine des Klosters Heisterbach

 

Das Projekt

Im Rahmen des Akademieprojekts „Klöster im Hoch­mittelalter. Innovationsla­bore europäischer Lebens-Entwürfe und Ordnungsmodelle“ wird die klösterliche Welt des Mittelalters als eine Wegbereiterin der Moderne analysiert. Im sozialen und religiösen Wandel des 11. bis 13. Jahrhunderts entwickelten mittelalterliche Klöster eine bislang unerreichte Rationalität der Lebensgestaltung. Damals entstanden Modelle jenes gesellschaftlichen wie kulturellen Aufbruchs, aus denen sich spezifische Ordnungskonfigurationen der europäischen Moderne ausformten. Diesen Forschungszielen widmen sich zwei Arbeitsstellen in enger Vernetzung, die an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften sowie der Sächsischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt sind. Die Arbeitsfelder der Teilprojekte ergänzen sich gegenseitig: Während die Arbeitsstelle in Dresden sich mit innermonastischen Ordnungen und dem innermonastischen Leben beschäftigt, stellen die Forschungen in Heidelberg sinnstiftende Texte der Weltdeutung und Entwürfe von exemplarischen Ordnungen in den Mittelpunkt.

Innovationslabore im Mittelalter

Klösterliche Gemeinschaften prägten in jener Zeit die europäischen Vorstellungen von Gemeinschaftsbildung und Indivi­dualisierung wesentlich mit. Sie lehrten Europa die Rationalisierung der Pla­nung, der Normsetzung, der formell gere­gelten Verfahrensabläufe, des Einsatzes pragmatischer Schriftlichkeit, des Ge­brauchs von Symbolen, des Umgangs mit Eigentum und Besitzlosigkeit, der Arbeits­teilung, der Güterzuweisung, der ökonomi­schen Betriebseffizienz. Sie erprobten bei sich erfolgreich die Gestaltung gesell­schaftlicher Systeme und eröffneten da­durch der europäischen Gesellschaft den Weg zu neuen Konstruktionen von Staat­lichkeit. Damals entstanden in Klöstern und Orden Modelle jenes gesellschaftlichen wie kulturellen Aufbruchs, aus denen sich spezifische Ordnungskonfigurationen der europäischen Moderne ausformten. Klöster testeten aber auch die Grenzen der rationa­len Erkenntnis durch die Technik der scho­lastischen Dialektik aus und sprengten sie auf durch die individuellen Erfahrungen der Mystik. Sie lehrten den Menschen eine verinnerlichte Ethik der Lebensführung und vermittelten ihnen damit ein entscheidendes Orientierungswissen im Umgang mit sich selbst und den Anderen; sie deuteten ihnen programmatisch die Natur, das Leben und das Jenseits.

I. Arbeitsstelle Heidelberg

Monastische Weltdeutungen und Ordnungsentwürfe

Das Heidelberger Akademieprojekt „Klöster im Hochmittelalter: Innovationsla­bore europäischer Lebens-Entwürfe und Ordnungsmodelle“ will in einer Verknüp­fung von textorientierter Grundlagenfor­schung und kulturwissenschaftlicher Per­spektivierung diese Fundamente europäi­scher Ordnungen erforschen. Damit stellt es eines der Grundmodule der europäischen Kulturgeschichte in den Mittelpunkt. Die Forschungen werden sich auf Texte konzentrieren, die sinnstiftend fun­damentale Weltdeutungen und gesell­schaftliche wie politische Ordnungen gerade auch mit außerklösterlicher Wirkung präsentieren wollten. Wesentliche Bereiche der Materialbasis werden zunächst erschlossen, dann identifi­ziert und dokumentiert, historisch analysiert und zu einem großen Teil auch ediert.

Projektteil A

Im 12. Jahrhundert war die Vorstellung von der „Gemeinschaft“ und ihrer idealen Organisation impulsgebend. Der „Einzelne“ war der Fürsorge der Gruppe anvertraut und sollte seine individuellen Belange der Gruppe unterordnen. Die Individualität wurde damit in höchstem Maße von den Bedürfnissen der Gemeinschaft her bemessen. Diese Idee wurde von den neuen Orden aufgenommen, vor allem von den Regularkanonikern (unter ihnen den Prämonstratensern) und den Zisterziensern. Nicht weniger aber wirkte sie in die „Welt“ hinein, nämlich in die neuen kommunalen Organisationen der Städte und auch der dörflichen Gemeinden. Darüber hinaus wurde auch die Frage nach der Trennung von „Kirche“ und „Welt“ gestellt. Diese Frage war mit der klösterlichen Organisation in fundamentaler Weise verbunden. Dabei ging es nicht nur um Güter, Rechte, Einkünfte und politische Verquickung. Hier bildeten sich auch ständig Schnittstellen mit der weltlichen Ordnung.

Aktuelles Editionsprojekt: Vita Arnoldi (Lebensbeschreibung des Mainzer Erzbischofs Arnold von Selenhofen).

Projektteil B

Die Prozesse der Verrechtlichung und Rationalisierung haben die politische Ordnung in Europa in weiten Teilen umgeformt. Im 13. Jahrhundert treffen wir allerorten auf neue Formen der Rechtsetzung und Rechtsordnung. In dieser Phase sind drei Bereiche „monastischer Angebote“ zu erkennen: Zum einen die Weiterentwicklung der straffen Organisations- und Rechtsordnungsmodelle an sich, zweitens die Entwürfe für alternative Lebensweisen und drittens die Wahrnehmungsweisen, Deutungsentwürfe und Erklärungsmodelle für eine „neue Welt“. Es geht um die Frage, wie die Elite des Denkens, die in weiten Kreisen monastisch organisiert war, auf die Umwälzungen der Zeit reagierte, wie sie die Veränderungen wahrnahm und welche Konzepte sie für die „Welt“ entwickelte.

Aktuelles Editionsprojekt: Bonum universale de apibus (Vom Bienenstaat) des Thomas von Cantimpré.

II. Arbeitsstelle Dresden

Informationen zur Arbeit unserer Kolleginnen und Kollegen in Dresden finden Sie unter www.saw-leipzig.de/forschung/projekte/kloester-im-hochmittelalter.

verantwortlich: Redaktion
Letzte Änderung: 14.03.2012