Linksalternatives Milieu und dessen (Selbst)Inszenierung. Neue Perspektiven auf die »neuen sozialen Bewegungen« der 1970er Jahre in der Bundesrepublik und Westeuropa


Veranstalter:

Cordia Baumann, Historisches Seminar der Universität Heidelberg

Nicolas Büchse, Henri-Nannen-Journalistenschule, Hamburg

Sebastian Gehrig, Historisches Seminar der Universität Heidelberg

Felix Wemheuer, Institut für Sinologie, Universität Wien

in Zusammenarbeit mit der Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Datum und Ort:

16.-18. September 2009, Akademie der Wissenschaften, Heidelberg

Deadline: 30. April 2009

Abstracts: max. 500 Wörter (dt./engl.)



Mit dem 40-jährigen Jubiläum des Protestjahrs 1968 hat sich die Historisierung der außerparlamentarischen Proteste der 1960er und 1970er Jahre nochmals beschleunigt. Nun ist es an der Zeit, einen historischen Zugriff auf das linksalternative Milieu dieser Zeit zu entwickeln, der sich jedoch den bisherigen (z.B. dem Paradigma der „sozialen Bewegungen“) sowie neuen Methoden nicht verschließt. In den 1960er Jahren entstanden in fast allen Ländern Westeuropas „Protestmilieus“ aus verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen. Diese orientierten sich zum einen an nationalen Problemen in der Artikulation ihres Protests, griffen aber in den späten 1960er Jahren auch immer öfter organisatorisch wie thematisch ineinander, was im als global empfundenen Protestjahr „1968“ gipfelte. Zehn Jahre später konnten sich in Westdeutschland Spontis, Ökologieaktivsten, K-Gruppenmitglieder und Mitglieder der Frauenbewegung jedoch kaum noch darauf einigen, aus dem gleichen „organisatorischen Zusammenhang“ hervorgegangen zu sein. Und tatsächlich hatte seit dem Ende der 1960er Jahre eine beachtliche Pluralisierung alternativer außerparlamentarischer Gruppen, Organisationen und Lebensstile stattgefunden. Ganz ähnlich hatten sich die außerparlamentarischen Gruppen in anderen westeuropäischen Ländern wieder auseinanderentwickelt.

Die Konferenz will aufbauend auf den schon mannigfaltig vorhandenen Forschungen zu den 1960er Jahren vor allem die Entwicklung in den 1970er Jahre eingehend untersuchen. Teile des linksalternativen Milieus haben sich von den Anfängen der „Neuen Linken“ um 1960 bis zur Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre innerhalb aller als „sozialer Bewegungen“ beschriebenen Protestwellen beteiligt, ja diese mitinitiiert. Daher soll mit der Untersuchung der Entwicklung dieses Milieus in der Bundesrepublik und anderen Ländern Westeuropas neues Licht auf die Entstehungsbedingungen „sozialer Bewegungen“ geworfen werden. Damit soll auch angeregt werden, sich vor allem in der Untersuchung außerparlamentarischer Gruppen wieder verstärkt der Analyse sozialer Gruppen und Milieus zuzuwenden. Bisher hat sich die sozialhistorische Forschung – speziell in der Bundesrepublik – stärker damit beschäftigt, die gesamtgesellschaftliche sozialgeschichtliche Entwicklung seit 1945 in einzelne Phasen zu untergliedern, als gezielt auch einzelne Milieus in den Blick zu nehmen.

Diese Konferenz möchte mit der Verbindung der Analysekategorie der „sozialen Bewegung“ und des Milieubegriffs herausarbeiten, wie es nach der Entwicklung (vor allem linkstheoretisch geprägter) „Protestmilieus“ in den 1960er Jahren zu einer Institutionalisierung in einzelne feste Gruppenorganisationen und zur Ausdifferenzierung dieser Milieus unter spezifisch nationalen Vorzeichen in Westeuropa in den 1970er Jahren kam. Daran anschließend soll ein weiterer Schwerpunkt auf der Frage der (Selbst)Inszenierung der einzelnen Milieus liegen, sowie auf dem Zusammenspiel der Medien mit den Akteuren. Denn die Inszenierung der einzelnen Milieugruppen als Teil einer, der jeweiligen Gruppenideologie folgenden, „Lebensstilrevolution“ sorgte am Ende der 1970er Jahre dafür, dass es vor allem in der Außen- wie in mancher Selbstwahrnehmung der Akteure schwer fiel, sich auf die gemeinsamen Wurzeln des Milieus in den Protesten um „1968“ zu besinnen. Nahmen die Akteure in den 1960er Jahren vor allem Bezug auf die Mode der Pop- und Rockkultur, die für eine Abgrenzung der „Gegenkultur“ von der Gesellschaft sorgte und eine generelle Protesthaltung dokumentieren sollte, lässt sich gerade in den 1970ern eine Verstärkung des medialen Einflusses auf die Wahrnehmung feststellen, der für die Inszenierung sowohl der revolutionären Elemente (Terrorismus), als auch des gesamten linksalternativen Milieus eine entscheidenden Rolle spielte.

Folgende Schwerpunkte lassen sich nachfolgend als Orientierungspunkte für mögliche Beiträge anführen:

  • gemeinsame ideologische Grundlagen der (Selbst-)Inszenierung und Protestmethoden in Westeuropa
  • Unterschiede/Gemeinsamkeiten im Vergleich der nationalen Milieubildung(-en) und in den Allianzen, die die Milieus in „neuen sozialen Bewegungen“ eingingen
  • ideologische Konflikte und das Element der (Gruppen-)Selbstinszenierung in der Ausdifferenzierung der Milieus nach dem Ende der Studentenbewegungen 1968/69
  • Außenwirkung der verschiedenen Milieus
  • Selbstinszenierung und Fremd-Darstellung
  • Selbst- und Fremdwahrnehmung
  • Symbole, Bilder, Mode, Musik
  • Aufnahme der „Sozialen Bewegungen“ von den Medien
  • Art und Weise der Rezeption in den Medien
  • Selbstpräsentation des linksalternativen Milieus in den Medien
  • Rolle der Medien bei der (Selbst)Inszenierung des Terrorismus

Dabei können folgende Fragen als Anregung dienen:

  • Kam es nach 1969 zu einer sofortigen Ausdifferenzierung und entstanden damit einzelne „Teilmilieus“ oder sahen sich die Akteure bis zum Beginn der 1980er Jahre als Teil eines linksalternativen Milieus?
  • Welche Arten „sozialer Praxis“ etablierten sie in ihrem tagtäglichen Umfeld? Wie wurden die nationalen linksalternativen Milieus durch ihr Partizipieren in „sozialen Bewegungen“ verändert?
  • Trug ihre Partizipation in Bewegungen wie der Anti-AKW-Bewegung zur Beschleunigung der Ausdifferenzierung des linksalternativen Milieus bei?
  • Wie lange konnten die aus den „Neuen Linken“ Westeuropas hervorgegangenen linksalternativen Milieus eine „gemeinsame kulturelle Praxis“ aufrechterhalten?
  • Ist es in der Betrachtung des Alternativmilieus sinnvoll, die durch Eric Hobsbawm’s „goldenes Zeitalter“ geprägte Periodisierung der „langen sechziger Jahre“ (1959-1973/74) beizubehalten oder sollte man in der gezielten Betrachtung des linksalternativen Milieus der von Belinda Davis vorgeschlagenen Deutung der „langen siebziger Jahre“ folgen?
  • Welcher Art war die „Ausdifferenzierung“ des durch die „Neue Linken“ geprägten „Protestmilieus“ der 1960er Jahre? Kam es zu einer „Ausdifferenzierung“ in einzelne Gruppen, die jedoch ihren Milieuzusammenhang behielten oder folgte dem Zerfall der Studentenbewegung die Auflösung des durch die „Neue Linke“ geprägten einheitlichen Protestmilieus in einzelne Gruppen, die Partikularinteressen verfolgten (Ökologie, Frauenrechte, Anti-AKW)?
  • War das Gemeinschaftspostulat, wie es in den Begriffen „Underground“, „Gegenkultur“ oder „Scene“ erkennbar scheint Realität, oder kam es zu einer „Ausdifferenzierung“, die den Milieuzusammenhang auflöste?
  • Wollten sich die einzelnen Gruppen innerhalb der Linken inszenieren, oder war die Abgrenzung als eigenständige Gruppe in den 1970ern zentraler?
  • Wurden die unterschiedlichen Gruppierungen des Milieus wahrgenommen oder war es das Bild des „langhaarigen Hippies“, der das Bild aller Gruppen prägte?
  • Wann initiierten bestimmte lokale, regionale oder nationale linksalternative Gruppen Proteste auf dem Gebiet der Ökologie, Anti-Atomkraft, Frauen- oder Friedensbewegung mit? Wie wurden sie durch ihre Mitarbeit transformiert?
  • Wie schafften es das alternative Milieu im Verbund mit anderen organisierten Gruppen, die Proteste zu einer Wirkungsmächtigkeit zu führen, damit sie in ihrer Wahrnehmung die Qualität einer „soziale Bewegung“ erreichten?
  • Wie inszenierten sich die linksalternativen Bewegungen selbst?
  • Schafften sie es, ihre Selbstinszenierung über die Medien zu transportieren? Oder prägten vielmehr die Medien die Wahrnehmung des linksalternativen Milieus? Wer profitierte mehr von der „Zusammenarbeit“?

Einzelstudien zu lokalen, regionalen, nationalen oder transnationalen linksalternativen Gruppen, die diesem Ansatz verpflichtet sind, sollen Antworten auf die gestellten Fragen liefern. Dabei sind u.a. Beiträge aus historischer, soziologischer, medienwissenschaftlicher und politologischer Perspektive willkommen, um durch einen interdisziplinären Blickwinkel auch neue Forschungsfragen zu eröffnen. Die Konferenz richtet sich vor allem an junge Nachwuchswissenschaftler.

Die Konferenzsprachen sind deutsch und englisch.

verantwortlich: Redaktion
Letzte Änderung: 23.06.2009